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Ausgabe 2/2018

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Inhalt

Editorial

„Shoppen und die Welt retten“ – besser und kürzer lässt sich der Spagat, gar das Dilemma eines Lebens in der Postmoderne nicht auf den Punkt bringen – der Konsum in all seinen Facetten ist einerseits gern gesehen – von den Konsumenten selber, aber auch von vielen anderen, die – was, wie, womit und wozu auch immer – damit zu tun haben: den Erzeugern, Herstellern, Händlern, Politikern, auch Journalisten und Wissenschaftlern etc.; und gleichzeitig müssen sich die Verbraucher*innen auch immer den Vorwurf gefallen lassen, genau damit aber sämtliche natürlichen, gesellschaftlichen, menschlichen und sonstigen Grundlagen zu ruinieren.
Im Rahmen der HaBiFo-Fachtagung am 23./24. Februar 2018 in München wurde mit Blick auf die Schlagworte, mit denen das Leben in der Postmoderne gerne etikettiert wird – Individualisierung, Pluralisierung, Globalisierung, Ökonomisierung, Digitalisierung der Kontext der Ernährungs- und Verbraucherbildung thematisiert. Die vielfältigen Befunde und Befindlichkeiten in der Frage der Alltagsbewältigung und Lebensgestaltung lassen nämlich nicht immer und unmittelbar eindeutige Lösungen erkennen, sind sie doch in ein Geflecht von Moden, Mythen, Moral, Medien, Macht ... eingebunden.
In dieser Ausgabe werden
thematische Impulse der Fachtagung dokumentiert – zusammengetragen aus allen Himmelsrichtungen: Barbara Fegebank aus Dresden widmet sich den Moden und Trends in der Ernährung; Susanne Miesera und Katharina Wunram aus München skizzieren Möglichkeiten der Stärkung vom Medienkompetenz in der Berufsschule; Martina Überall, Maria Lechbaumer, Christa Meliss und Birgit Wild aus Innsbruck fokussieren auf digitale Kompetenz und wünschen „guten APPetit“; Susanne Obermoser aus Salzburg stellt ein Lehr- und Lernkonzept mit dezidiert gesellschaftlicher Verantwortung für die Generation 60+ vor; Irene Antoni-Komar aus Oldenburg verweist auf neue Chancen für eine nachhaltige Ernährungswissenschaft, die sich aus gemeinschaftsorientierten Initiativen speisen könnte; Maya Götz vom Bayerischen Fernsehen setzt sich kritisch mit den Auswirkungen des in einschlägigen Fernsehsendungen propagierten Körperbildes von Mädchen auseinander und Werner Brandl macht sich ein paar ‚‚altmodische‘, dennoch nicht minder aktuelle Gedanken über ein orthodoxes Paradox der Mode.
Ein Blick lohnt sich auch auf die Rezension eines Buches aus der Schweiz, das sich theoretisch, konzeptionell und ganz praktisch dem Thema der
Kompetenzförderung mit Aufgabensets befasst – und ebenso auf die (nunmehr) 3. D-A-CH-Erklärung zur Sicherung fachdidaktischer Qualifizierung und Professionalisierung in der Ernährungs- und Verbraucherbildung.

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Barbara Fegebank
Geschmack der Zukunft – Moden und Trends in der Ernährung

„Geschmack der Zukunft“ war im Wintersemester 2017/2018 das Thema einer Vortragsreihe der Evangelischen Studentengemeinde Dresden. Der vorliegende Beitrag resultiert aus einem der Vorträge mit dem Titel: „Moden und Trends in der Ernährung“, wobei neben ausgewählten Moden und Trends auch ihre Einbettung in Gesamtzusammenhänge der Ernährung aufgezeigt wird.
Schlüsselwörter: Ernährungsmoden, Ernährungstrends, Geschmack, Kulturelle Dimension

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1 Einführung

In der Ernährung, um deren Moden und Trends und damit deren Zukunft es hier gehen soll, gilt Geschmack als Sinneswahrnehmung beim Essen und Trinken. Es geht um die sog. gustatorischen Wahrnehmungen, die beim erwachsenen Menschen durch Sinneszellen des Geschmacksorgans in der Zungen- und Rachenschleimhaut erfolgen und fünf (oder sechs) Grundqualitäten vermitteln: süß, sauer, bitter, salzig sind weithin bekannt. Seltener wird von umami gesprochen. Umami schmecken all jene Nahrungsmittel, in denen ungebundene Glutaminsäure enthalten ist. Bestimmte Bestandteile dieser Aminosäure – die sogenannten Glutamate – verstärken auf natürliche Weise den Eigengeschmack eines Lebensmittels und verleihen ihm einen vollmundigen, intensiven Geschmack. Vor allem wird Natriumglutamat eingesetzt, das als künstlicher Geschmacksverstärker – biotechnisch hergestellt, z. T. auch gentechnisch verändert – in Fertiggerichten verbreitet ist. Glutamate gelten zwar als gesundheitlich unbedenklich, sind in ihrer Herstellung und Verarbeitung jedoch als nicht umweltverträglich einzustufen und verfälschen das „Natürliche“. Am 8. Januar 2017 hieß es dann auf kurier.at: „Die Geschmacksrichtung Umami war gestern, jetzt kommt Swavory! Hinter diesem neuen Geschmack, der in den USA gerade für Furore sorgt, versteckt sich die Mischung aus süß (sweet) und pikant (savory). Das ergibt zum Beispiel für Joghurt ganz neue Perspektiven, denn es muss nicht immer Obst in den Joghurtbecher. Karotten-, Rote Rüben- oder Kürbisjoghurt sorgen für überraschende Swavory-Aromen. Der Trend spiegelt den Wunsch nach Abwechslung und Neuem im Food-Sektor wider“ [https://kurier.at/genuss/das-sind-die-15-wichtigsten-food-trends-2017/239.783.095].1

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Susanne Miesera & Katharina Wunram
Tablets in der Berufsschule: Stärkung der Medienkompetenz – Erstellung von Kurzvideos als sprachliches Handlungsprodukt

Die sprachsensible und binnendifferenzierte Unterrichtsgestaltung fördert jeden Lernenden individuell. Eine berufsrelevante Handlungssituation fordert die Teilnehmer auf, ein Unterrichtsvideo zum Thema Hygiene zu erstellen. Das selbstgedrehte Video als sprachliches Handlungsprodukt stärkt fachliche, methodische sowie sprachliche Kompetenzen. Der Tableteinsatz unterstützt die Medienkompetenz der Lernenden.
Schlüsselwörter: Unterrichtsvideo, Binnendifferenzierung, Tablet, Medienkompetenz

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1 Einleitung

Der Einsatz neuer Medien im Fachunterricht ist bereits weit verbreitet. Die Verwendung und die Erstellung von Unterrichtsvideos fördert gezielt den Medienkompetenzerwerb. Die Lernenden stärken durch eigenständiges Nutzen von Tablets ihre medialen Kompetenzen. Der Videodreh fördert darüber hinaus fachliche und sprachliche Kompetenzen der Schülerschaft. Das Medium: eigenes Unterrichtsvideo unterstützt insbesondere auch Lernende mit sprachlichen Defiziten in ihrem sprachlichen Kompetenzerwerb. Im Fokus des Artikels steht eine wissenschaftliche Arbeit der Technischen Universität München, die Unterrichtsmaterialien zum Videoeinsatz im Fachunterricht entwickelte und erprobte. Eine berufliche Lernsituation zum Thema Hygiene erfordert ein sprachliches Handlungsprodukt in Form eines selbsterstellten Unterrichtsvideos. Das Video wird in Kleingruppen durch den Einsatz von Tablets selbstständig aufgezeichnet und bearbeitet. Die Evaluation des Videos erfolgt durch Selbst- und Fremdreflexion anhand eines Punktesystems oder durch die Nutzung von online Feedbacksystemen.

2 Kompetenzverständnis

Die unzureichenden Ergebnisse der PISA-Tests im Jahr 2000 bewirkten eine Umgestaltung des deutschen Bildungsbereichs (Becker-Mrotzek et al., 2006, S. 17). Zu diesem Zeitpunkt standen die Lerninhalte und verwendete Methoden im Vordergrund. Seit den PISA Ergebnissen und mit der Einführung der kompetenzorientierten

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Martina Überall, Maria Lerchbaumer, Christa Meliss & Birgit Wild
„Guten APPetit!“ – Digitale Kompetenzen in einer webbasierten Ernährungswelt

Open Educational Resources (OERs), so zum Beispiel Applikationen (Apps), besitzen laut UNESCO „ein gewaltiges Potential zur Verbesserung der Qualität und Effektivität von Bildung“ (Blees, 2015, S.9). Existierende evidenzbasierte Qualitäts- und Bewertungskriterien zu gesundheits- und ernährungsrelevanten Apps werden auf ihre Einsatzfähigkeit im Unterricht hin evaluiert, diskutiert und in Hinblick auf Schule 4.0 erweitert.
Schlüsselwörter: Applikationen (Apps), Qualitätskriterien, eLearning, Ernährungsbildung, „health literacy“

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1 Einleitung

Jugendliche erweisen sich als Zielgruppe für digitale Medien mit besonders hoher Erreichbarkeit, aufgrund ihrer hohen Online-Affinität. So wurde in Tirol statistisch erhoben, dass zwei Drittel der befragten 14 bis 15-jährigen Schulabgänger (der österreichischen Schulform Neue Mittelschule) 6 Stunden täglich mit der Nutzung digitaler Medien verbringen (SIPCAN, 2016). Europaweit wurde gezeigt, dass 95% der 16 bis 24-jährigen ihr Smartphone verwenden um das Internet zur Informationsbeschaffung zu nutzen. Spezifisch zur Beschaffung von gesundheitsrelevanten Informationen haben in Österreich 2003 erst 5% der Personen zwischen 16 und 74 Jahren das Internet genutzt, 2016 jedoch bereits 56% (Eurostat, 2016, S. 2).
Ernährungs-relevante Apps sind für Jugendliche leicht zugänglich und werden zum Beispiel als Rezeptsammlungen, Einkaufshilfen, Quiz-Spiele und insbesondere zur Beurteilung des eigenen Essverhaltens genutzt (In Form, 2016). Unter der Rubrik „gesundheitsrelevant“ finden sich mindestens 324 Ernährungsapps aus dem „Google Playstore“ und dem „Apple App Store“ zur freien Verfügung (Rohde, 2017, S. 37).

Da diese Apps für jedermann zugänglich sind, erscheint es essentiell den Jugendlichen einen sinnvollen, medienkompetenten und im Idealfall gesundheitsförderlichen Umgang mit Apps zu vermitteln. Bis dato stehen jedoch kaum evidenzbasierte und geprüfte Instrumente zur Begutachtung von Ernährungs-Apps für ihren sinnvollen Einsatz im Unterricht zur Verfügung. Dies ist besonders wichtig hinsichtlich der allgemeinen Gesundheitskompetenz – „health literacy“, die als „ungleich verteilte, aber beeinflussbare soziale Determinante von Gesundheit, Gesundheitsverhalten und Inanspruchnahme von Krankenbehandlung“ verstanden wird (Kickbusch, 2013, S.4). Da

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Susanne Obermoser
FIDELIO TISCHNACHBAR – Ein Lehr- und Lernkonzept mit gesellschaftlicher Verantwortung

Ist es unsere gesellschaftliche Verantwortung, in Zeiten des demographischen Wandels die Fehl- und Mangelernährung in der alternden Gesellschaft zum Thema der Ernährungsbildung zu machen? In diesem Beitrag soll das Potential eines generationenübergreifenden Lehr- und Lernkonzeptes in Zeiten von Moden, Mythen, Moral, Medien, Macht… aus mehreren Perspektiven beleuchtet und erste Zwischenergebnisse präsentiert werden.
Schlüsselwörter: Präkonzepte, Service Learning, Kompetenzentwicklung, Motivation

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1 Einleitung: Bedarfsanalyse und Projektidee

Zahlreiche Studien beschäftigen sich mit der Entstehung und Prävalenz von quantitativer und qualitativer Fehl- und Mangelernährung bei älteren Personen und messen den Risikofaktoren der altersbedingten körperlichen Veränderungen sowie gesellschaftlicher Isolation und ökonomischen Restriktion große Bedeutung zu (Elmadfa et al., 2008; Volkert, 2013). Neben den beforschten Ursachen und Auslösern wurde jedoch in der Literatur das Augenmerk kaum auf das präventive Potential von Haushaltstätigkeiten und vor- bzw. nachgelagerten Aufgaben bei der Nahrungszubereitung gelegt: Einschränkungen und Schwierigkeiten bei der täglichen hauswirtschaftlichen Versorgung (Hilfsbedarf z.B. bei Einkaufen, Vorratshaltung, Zubereitung) gehen häufig dem Stadium der Pflegebedürftigkeit voraus – so könnte beispielsweise zur Risikoabschätzung einer „Mangelernährung aus haushaltsbezogener Sicht […] der Inhalt eines Kühlschranks als wichtiger Indikator für Probleme beim Einkaufen und der Nahrungszubereitung dienen“ (Preuße, 2017, S. 277).
Dem Wunsch nach lebenslanger Selbstbestimmung und Unabhängigkeit folgend kommt daher einer Unterstützung der autonomen Handlungsfähigkeit im Sinne von Empowerment (vgl. Ottawa Charta, 1986) in dieser Übergangsphase besondere Bedeutung zu. Basierend auf der langjährigen Lebenserfahrung haben sich jedoch bei älteren Personen bestimmte Einstellungen bzw. Wertvorstellungen (Anspruch an Nahrung), Routinen bei Arbeitsabläufen (Alltagskompetenz) sowie mehrheitlich feste Gewohnheiten verankert (Preuße, 2017). Darum stellt sich die Frage: „Was können wir [in Präventionsprojekten] einer Generation vermitteln, die bereits ein Leben lang gekocht, eine Familie ernährt hat und eventuell sogar schon Enkelkinder versorgt?“ (Hitthaller, Perlik & Ruso, 2016, S. 7).

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Irene Antoni-Komar

Gemeinschaftsorientierte Ernährungsinitiativen – Neue Chancen für eine nachhaltige Ernährungswirtschaft?
Zivilgesellschaftliche Ernährungsinitiativen und transformative Unternehmen wie Urban Gardening-Projekte, Solidarische Landwirtschaft, Foodcoops oder Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften etc. gelten als Pioniere einer zukunftsfähigen nachhaltigen Ernährungsversorgung. Diese erproben gemeinschaftsorientiertes Wirtschaften in Form von Ansätzen der Befähigung, solidarischen Bindungen und Prosumententum für eine sozial-ökologische Ernährungswende.
Schlüsselwörter: Transformative Wirtschaftsformen, nachhaltige Ernährungswirtschaft, Konsumpraktiken, Gemeinschaftsorientierung

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1 Ist eine andere Welt pflanzbar?
Weltweit, aber auch in Deutschland, hat sich eine wachsende Anzahl von zivilgesellschaftlichen Initiativen und transformativen Unternehmen auf den Weg gemacht, neue, selbstorganisierte und gemeinschaftsorientierte Formen der Ernährungsversorgung zu entwickeln, zu praktizieren und zu verbreiten (Renting, Schermer & Rossi, 2012). Auch als Graswurzelbewegung bezeichnet, schaffen diese solidarische Bindungen zwischen Erzeugung und Verbrauch, befördern Prosumententum und gestalten Lernräume, in denen Ernährungsbildung über praktische Ansätze der Befähigung eingeübt werden kann. Der anonymen Fremdversorgung mit global produzierten Lebensmitteln stellen sich mit den Projekten des Urban Gardening, der Solidarischen Landwirtschaft, der Foodcoops oder Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften sowie Kooperationsinitiativen Konzepte der Versorgung entgegen, die nicht nur zu regionaler Vielfalt beitragen, sondern auch die Neuausrichtung von Wirtschaftsbeziehungen, Mensch-Natur-Verhältnissen und Gemeinschaftssinn befördern helfen.

Die Ernährungsinitiativen konfrontieren uns mit der Frage, ob und wie in unserer auf permanentes Wachstum ausgerichteten globalisierten Ernährungsindustrie eine andere Welt pflanzbar ist, die deren vielfältige Risiken abschwächt. So werden z.B. die agrarwirtschaftlichen Monokulturen und Großstrukturen für das Überschreiten von vier der neun planetaren Belastungsgrenzen verantwortlich gemacht (Meier, 2017). Neben dem Klimawandel sind es durch Massentierhaltung verursachte übermäßige Nährstoffeinträge in terrestrische und aquatische Ökosysteme, die den Stickstoff- und Phosphorkreislauf stören, landschaftliche Erosionen durch Nutzungskonkurrenzen in

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Maya Götz
Der Gedanke, „zu dick zu sein“ – Fernsehen und seine Bedeutung für das Körperempfinden von Mädchen

Mädchen wachsen heute in den ersten Jahren mit einen hohen Selbstbewusstsein auf und sind stolz darauf, ein Mädchen zu sein. Ihnen begegnen aber Bilder von einem Mädchen- und Frauenkörper, die hypersexualisiert und an der Taglilie dünner sind, als es für die Mädchen jemals erreichbar wäre. Dies ist vermutlich einer der Hintergründe, warum sich Mädchen mit Einsetzen der Vorpubertät zunehmend unwohler fühlen. Von 9 auf 10 Jahren springt der Prozentsatz derjenigen, die den Gedanken haben, zu dick zu sein von 32% auf 59%. Dabei zeigt sich eine Korrelation zum Sehen der Sendung Germany’s Next Topmodel, insbesondere bei den Mädchen, die ohnehin schon untergewichtig sind. Anhand einer Studie mit Menschen, die sich gerade in Behandlung für Essstörung sind, zeigt auf, wie die Model Castingshow bei entsprechender Veranlagung und Persönlichkeitsstruktur Essstörungen befördern kann.
Schlüsselwörter: Mädchen, Körpergefühl, Medieneinfluss, Zeichentrick, Germany’s Next Top-model

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1 Einleitung
Drei Mädchen spielen in der Sandkiste des Kindergartens einer Universität. Kommt ein Junge dazu und fragt, ob er mitspielen darf. Das 4-jährige Mädchen steht auf, stützt die Hände in die Seite und sagt: „Das geht nicht, Jungen gehen nicht auf die Universität, die können das nicht!“

Mädchen wachsen heute mit einem hohen Selbstwertgefühl in der frühen Kindheit heran. Sie sind umgeben von einer machtvollen, kompetenten Mutter und Kindergärtnerin. Daneben erleben sie Jungen eher als diejenigen, welche weniger können, ständig ermahnt werden und den Anforderungen nicht so gut genügen wie sie selber. Aus dem Stolz heraus ein Mädchen zu sein, tragen sie gerne rosa Kleidung, denn das ist die einzige Farbe, die „nicht für Jungen“ ist und begeistern sich teilweise für Prinzessinnen. Das Symbol Prinzessin spiegelt dabei häufig das Grundgefühl wieder, das ihr Leben ausmacht: „Ich bin wertvoll“ und dies von Geburt an (Götz & Cada, 2013). Anders verhält es sich beim Prinzen. Dieser muss sich erst beweisen, um seinem sozialen Status gerecht zu werden. Bei Mädchen hingegen ist der Wert angeboren und körpergebunden. Doch aus stolzen Kindergartenmädchen werden gegen Ende der Grundschule und spätestens Anfang der weiterführenden Schule nicht automatisch stolze pubertäre Mädchen. Ein zentraler Moment, der diesen Mangel an

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Werner Brandl
Konsum und Moral – Ein orthodoxes Paradox der Mode?

Mit „Shoppen und die Welt retten“ oder etwas konkreter „Korrekte Klamotten – faire Mode versus Fast Fashion“ – präziser und kürzer lässt sich das Dilemma eines Lebens in der Postmoderne nicht auf den Punkt bringen. Es soll deshalb einmal dahingehend ge- und befragt werden, ob der vielfach propagierte ethisch/politisch korrekte verantwortungsvolle Konsum überhaupt möglich ist, und wenn ja, mit welchen gedanklichen und auch praktischen Klimmzügen Konsum und Moral vielleicht doch vereinbar sein können. Dazu ein paar ‚altmodische‘, dennoch nicht minder aktuelle Gedanken über ein Paradox postmoderner Mode.
Schlüsselwörter: Konsum, Moral, Identität, Distinktion, Konformität, Fast Fashion, Slow Fashion

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1 Intro

„Kleider machen Leute“ schrieb Gottfried Keller 1874 in der gleichnamigen Novelle – und beschreibt darin die Wirkungen eines Phänomens, das sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht. Kleidung hatte immer – neben dem allfälligen Schutz vor Wind und Wetter, manch anderer Unbill der Natur und den Erfordernissen von Alltag und Beruf – auch den Zweck, die Trägerin und den Träger als Individuum zu stilisieren, deren Status im je gesellschaftlichen Gefüge zu dokumentieren. Dass im historischen Kontext deren Herstellung und Gebrauch sehr unterschiedlich gehandhabt wurde, korrespondierte immer auch mit einer den jeweiligen Zeitläuften angepassten Ästhetik, der Mode.1 Dafür wurde und wird nach wie vor ein erheblicher Aufwand betrieben – an sachlichen, zeitlichen und persönlichen Ressourcen.
Für Kinder und Jugendliche gilt 2018 sicherlich das Gleiche: Auch sie definieren sich durch ihr Äußeres, sei es der eigene Körper, der in Form gebracht wird, die Musik, die man hört, durch das Equipment, mit dem man telefoniert und in sozialen Netzwerken unterwegs ist, durch Food und Non-Food, die einen ganz eigenen Lifestyle verdeutlichen und insbesondere die ‚Klamotten‘, die man trägt.2

Sie sind deshalb auch froh, wenn sie in einschlägigen Läden Trendmode zu Tiefstpreisen, die sie sich ohne das beständige Erbitten bei den Eltern oder Erziehungsberechtigten auch leisten können und ohne deren Beeinflussung auch erwerben können! Soweit eigentlich nichts Auffallendes und Außergewöhnliches: Die